Letztes Wochenende wachte ich aus meinen Tagträumen auf und fand mich mitten im Leipziger Centraltheater auf einem dieser uralten gemütlichen weinroten mit Samtimitat bezogenen Kinostühle wieder. Ich erinnerte mich, dass die Anreise von einem latenten Stress, bedingt durch persönlichen Zeitverzug, knapp getimten Schlüsselübergaben und leistungsschwachen Volvomotoren, geprägt war. Und los ging es, das Spektakel.
Phantom/Ghost, bestehend aus dem Leadgitarristen/ Frontman von Tocotronic und einem Produzenten am Piano (u.a. von Chicks on Speed), strahlten von Anfang an eine unwiderstehliche Ruhe aus. Größer hätte der Stimmungskontrast nicht sein können, als der Hauptact (die Künstlerin zuvor hatte ich verpasst) ziemlich zeitnah nach der Ankunft begann.
Das Setting dieses Konzertes wird unzureichend aber trotzdem gut auf spex skizziert. Die Unzulänglichkeit einer Videoaufzeichnung betone ich an dieser Stelle, da mir als Elektro-Jünger der direkte Draht zu einer Live-Darbietung bisher verborgen geblieben ist. Anzumerken bleibt zusätzlich, dass Dirk von Lowtzow in Leipzig perfekt sauber gesungen hat. Und dass tiefe Stimmen sehr schön sein können. Verwöhnt von den sonoren Tenören und der Klavierakrobatik Ben Folds Five’s und Detta Walkers blieb mir nämlich nichts anderes übrig, als mich auf die Gegebenheiten hier vor Ort einzulassen. Aber das möchte ich nicht nachteilig verstanden wissen.
Einige Tracks habe ich mir natürlich zuvor auf Youtube zu Gemüte geführt – die Katze im Sack kaufe ich nicht so gerne. Besonders ins Ohr (Auge passt grad nicht so gut) stach mir To Damascus. Haben sie aber leider nicht im Programm gehabt. Eventuell lässt es sich ja nicht ganz so einfach auf Klavierbegleitung transponieren. Ich hör das grob geschätzt grad zum 21. und 22. Mal. So schön melancholisch… traumhaft.
Vielen Hörern sind Phantom/Ghost als ein Teil des Soundtracks von “Herr Lehmann” in Erinnerung geblieben. Mir nicht, aber dafür kannte ich “Perfect Lovers” und “You’re my mate” von anderen Interpreten. Immerhin. Neu in meine Ohrwurmschleife hat sich seit dem letzten Wochenende “Relax it’s only a Ghost” eingeschlichen.
Das mag natürlich dem repititiven Charakter des Refrains geschuldet sein, aber meine erste Reaktion im Hörsaal war hauptsächlich ein *hmtscha*. Obwohl eine Koryphäe moderner Psychoanalyse (Freud, Jung, Nietzsche oder wer auch immer. Frag mich mal, wie bunte Klammern schmecken) den Dämonen in unserer Begriffswelt als Neurose widergespiegelt sieht, habe ich da im Hinterkopf den katholischen Pfarrer gesehen, dem empfohlen wird, sich mal ganz geschmeidig zurückzulehnen um sich von einer fremden Macht in Beschlag nehmen zu lassen. Richtig – geht gar nicht.
Den Brückenschlag habe ich heute beim Einkaufen geschafft. Mir fiel ein, dass folgender Comment auf youtube stand:
Jemand hat das Video mal verlinkt zum damit zu beschreiben, wie er Liebe empfindet – kann man auch so sehen. Ist Liebe nicht manchmal auch ein bißchen unheimlich? Gefällt mir sehr.
Und da dachte ich mir: Wie schwer muss es für einen sein, der indoktriniert der Überzeugung ist, dass die eigene Gefühlswelt nicht zu den guten Dingen im Leben gehört, um nicht zu sagen, sogar diabolischen Ursprungs ist, sich mal für einen Moment gehen zu lassen, Impulse wahrzunehmen und als integral anzuerkennen und denen sogar so viel Raum zu geben um diesen nachzugehen. Ich fürchte – nein, ich weiß – es ist verdammt schwer. Und wenn es “nur” Liebe ist. Sag mal nem Kopfmensch: “Fühle!” Geht auch nicht.
so: All good things come to an end … bzw.: Alle Dinge nehmen ein gutes Ende. Oder aber um es mit einem Zitat aus meiner Jugendliteratur abzuschließen: Ente gut – Alles gut.
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