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Vitamin Käse

von deëll am Montag, Januar 11th, 2010

Eigentlich wollte ich mich ja mal so richtig köstlich über das materialistische Menschenbild echauffieren und dessen Dreistigkeiten anprangern. Davor bewahrt hat mich der Fund (an dieser Stelle ein Hoch auf meinen Mitbewohner) eines Käsekochbuchs im Bücherregal unserer Küche. Schon die Einleitung strotzte dermaßen von poetischen Kostbarkeiten, dass es einfach viel zu schön ist um es nicht teilen zu wollen:

Caesus et panis sunt optima fecula sanis. Zu deutsch etwa: Käse und Brot machen Wangen rot – eine jener sprichwörtlichen Redensarten, denen wir zunächst gar nicht recht trauen. Wollte man uns doch schon im zarten Kindesalter den abscheulichen Lebertran mundgerecht machen, indem man ihn als besonders gesund pries. Wohingegen alles, was herrlich schmeckte: die bunten Bonbons im hohen Glas des Krämers, der rohe Teig, heimlich aus der Schüssel geleckt, Senf und saure Gurken, all das überaus schlecht für die Zähne und ungesund für den Magen kleiner Kinder sein sollte.
Und den großen Kindern geht es nicht viel anders. In unserer Zeit des wirtschaftlich gelenkten Appetits galt oft über Nacht als schädlich, was gestern noch auf jedem Speisezettel zu finden war. Wir nahmen es zur Kenntnis und zogen den Gürtel um ein Loch enger. Kaum waren unseren Gelüsten keine Schranken mehr gesetzt, so zog drohend das Sternbild der Waage herauf. Wer etwas auf sich hielt, stellte sich dieses Sinnbild moderner Askese ins Bad und aß sich schlank nach irgendeinem Apostel. Und wieder war alles ungesund, was gut schmeckte. Da stimmt doch was nicht!
Lernen wir wieder mit Freude essen und die Speise dankbar als Gottesgabe empfinden, anstatt sie ängstlich auf unerlaubte Kalorien zu prüfen, hastig zu schlingen oder snobistisch zu überfeinern. Stelle ich mir die Speisen vor, die diese ursprüngliche Freude wieder in uns zu erwecken vermöchten, so sind es zumeist die einfachen, fast symbolhaften Dinge: der Laib Brot, kräftiges dunkles Bauernbrot, der Trunk Wein, herber, roter Landwein, und ein herzhafter Bissen mildtränenden Käses. Gleich sieht man dabei streunende Katzen durch das Lattengerüst der italienischen Reblaube streichen oder man riecht den weinigen Modergeruch der kühlen Grotte im Tessin.
Doch auch in den alltäglichen Bereich der eigenen vier Wände läßt sich mit etwas Phantasie und Beschwingtheit ein Schimmer jener ferienseligen Tafelfreuden herbeizaubern. Es genügt, den offenen Rotwein in eine Chiantiflasche abzufüllen, den Käse auf einem Zinnteller und das Brot auf einem schlichten Holzbrett aufzutragen. Ich weiß ein junges Paar, das also allabendlich bei Brot, Käse und Wein plauderte, bis es dunkel war, daß jedes des anderen Angesicht nur noch ahnte. Sie nannten das die Welt in Ordnung bringen und waren glücklich dabei. Denn alles, was bei Tage besehen kraus und schwierig schien, entwirrte und glättete sich in dieser gesegneten Dämmerstunde.
Wer weiß, vielleicht stünde es etwas besser um unsere arme Welt, wenn diese Art und Weise, die Käs- und Brot- und -Wangenrot-Weise, an allen Konferenztischen eingeführt würde.

aus: Die Kunst mit Käse zu kochen, von Margrit Diethelm, Ernst Heimeran Verlag, 1954. Auf diversen Buchverkaufsplattformen bereits für einen Euro zu erwerben.

Ich hoffe, nicht zu viel versprochen zu haben. Eine runde symbol- und bildhafte Sprache welche es versteht die Sinne zu stimulieren. Witz, Genuss und Entrüstung vereinend um zur besten Verdauung mit einem leckeren Stück kleiner Utopie zu schließen. So sehr ich auch das “Sinnbild moderner Askese” gelungen fand, stellte der “wirtschaftlich gelenkte Appetit” für mich die größere Reizphrase dar. Die Zeit ist ein halbes Jahrhundert weiter gelaufen, der Schlamassel der Gleiche geblieben.

Die Ursprünge des folgenden unnützen aber nachhaltig platzierten Produkts reichen sogar noch 20 Jahre vor Erscheinen des kleinen Kochbuchs, die Folgen aber bis in unsere Zeit hinein. Lasst mich euch ein kleines Lehrstück in Politik, Unternehmensstrategie und Demagozeption vorstellen:

Mitte letztes Jahr wurde auf irgendeinem Blog ein Artikel in der Baseler Zeitung verlinkt. (ich hab gesucht wie ein Wilder, entweder hat der Blog das wieder raus genommen oder ich hab mich durch eine Verkettung von Links zufällig dort hin manövriert) Es geht um die Geschichte von künstlich hergestelltem Vitamin C. Anhand der Doktorarbeit von Beat Bächi zeichnet der Schreiber nach, wie sich seit der Entdeckung der Synthese bis heute ein so riesiger Markt entwickeln konnte. Anfangs stellte La Roche in einer firmeninternen Studie fest, dass es keinen Sinn mache, Ascorbinsäure in die Produktpalette mit aufzunehmen, da sie nur gegen Skorbut sinnvoll eingesetzt werden könne, etwas deutlicher formuliert: weil Vitamin C nur gegen Vitamin-C-Mangel hilft. Es sollen sogar Tester des “Medikaments” häufiger an Grippe erkrankt sein, als Personen in der Placebo-Vergleichsgruppe.
Auf großen Radrundfahrten (Tour de France und Suisse) wurde den Sportlern öffentlichkeitswirksam das weiße Pulver zur Leistungssteigerung verabreicht und im 2. Weltkrieg war das Deutsche Reich (u.a. Stichwort: Gesundheit des Volkskörpers) für eine große Nachfrage verantwortlich. Als diese dann aus bekannten Gründen wegbrach, suchte man neue Absatzmärkte. Beim sogenannten Wunder von Bern (nein, ich verkneifs mir) soll der deutschen Nationalmannschaft Vitamin C gespritzt worden sein. Der Artzt glaubte zwar nicht an die physische Wirkung, wohl aber an die psychologische. Man experimentierte sogar mit vitalisierenden Nylonstrümpfen und Zigaretten. Und die Forschung an Ascorbinsäure als Treibstoff und Schießpulver wurde wohl erst 1990 eingestellt. Abgesehen von diversen Vitaminpräparaten hat sich heute synthetisches Vitamin C als Konservierungsmittel (E300) durch- und in unseren Köpfen als Wundermittel festgesetzt. Vor, während und nach allen Erkältungskrankheiten. Aber das soll man ja auch nicht unterschätzen. Etwas kritisch werde ich allerdings, wenn behauptet wird, dass gesunde Ernährung (respektive Nahrungsergänzungsmittel) helfe, ein besserer Mensch zu werden. Womit wir wieder am Anfang wären. Aber dazu ein anderes Mal.

Ich habe die Publikation nicht selbst gelesen sondern den Abriß aus diversen Rezensionen zusammengeklaubt. Eine Zusammenfassung von Bächi selbst hat Die ZEIT veröffentlicht. Einen anderen (etwas kürzeren, aber) lesenswerten Artikel habe ich beim ORF gefunden. Und den Artikel, den ich eeeeeeeeeewig gesucht hatte, hat zum Glück Placeboalarm im Portfolio gehabt.